Der Faktor 2,5: Warum Projekte zu spät kommen

Zwei Jahrzehnte Führungserfahrung, wissenschaftliche Belege und ein Werkzeug für Führungskräfte

Ein Entwickler sagte mir, er brauche zwei Tage für eine Aufgabe. Ich plante fünf. Er war irritiert. Nach fünf Tagen war die Aufgabe fertig. Er war überrascht. Ich nicht.

Seit zwei Jahrzehnten führe ich Entwickler- und Projekt-Teams und habe für mich einen empirischen Korrekturfaktor entwickelt: 2,5. Ich wende ihn bei den meisten Schätzungen an. Was mit fünf Tagen geschätzt wird, dauert mindestens zwölf.

Ein Strichmännchen steht ratlos neben einem fertig aufgebauten Regal. Auf dem Boden liegen ein Bohrer und drei Schrauben. In einer Gedankenblase über dem Männchen steht: 'Geplant: 1 Stunde. Gebraucht: 3 Stunden.' Darunter eine Uhr als Symbol für die Zeit.

Dieses Phänomen hat in der Wissenschaft einen Namen.

Was der Planning Fallacy ist

Der Planning Fallacy beschreibt die systematische Neigung, Dauer und Kosten zukünftiger Aufgaben zu unterschätzen. Kahneman und Tversky prägten den Begriff in den 1970er-Jahren. Seither wurde der Effekt hunderte Male empirisch bestätigt: bei Studierenden, bei Ingenieuren und Softwareentwicklern.

Die klassische Studie

Den kanonischen Beleg lieferten Roger Buehler, Dale Griffin und Michael Ross 1994. Sie ließen Studierende die Fertigstellung ihrer Studienabschlussarbeiten schätzen. Zwei Fragen wurden gestellt.

Das Ergebnis: Die optimistische Schätzung lag im Durchschnitt bei 27 Tagen. Die realistische Schätzung bei 34 Tagen. Die tatsächliche Bearbeitungszeit lag bei durchschnittlich 55 Tagen. Selbst die pessimistische Schätzung wurde regelmäßig um 20 Prozent überschritten.

Der harte empirische Beleg

Was das Thema von der Laborforschung zur handfesten Wirtschaftswissenschaft macht, ist die Arbeit von Bent Flyvbjerg an der Oxford University. Er hat über zwei Jahrzehnte Daten zu realen Großprojekten gesammelt und ausgewertet. Seine Datenbank umfasst mehr als 16.000 Projekte weltweit.

Ein Strichmännchen mit orangefarbenem Bauhelm steht neben zwei Kühltürmen und einem Baukran. Aus einem Turm steigt Dampf, der andere ist noch unfertig. In einer Gedankenblase steht: 'Geplant: 3 Jahre. Gebraucht: 7,5 Jahre.' Darunter ein Kalender.

Die Kernbefunde: 91,5 Prozent aller Großprojekte verfehlen Budget, Zeitplan oder Nutzenversprechen. Nur 0,5 Prozent halten alle drei ein. IT-Projekte laufen im Schnitt 33 Prozent über die geplante Zeit und 46 Prozent über das Budget. Bei komplexen Vorhaben wie Kernkraftwerken oder digitalen Großplattformen liegen die Werte im dreistelligen Bereich.

Das ist die Realität Hunderttausender Projektmanager weltweit. Der Planning Fallacy ist die statistische Norm.

Warum das passiert

Kahneman erklärt den Effekt mit dem Unterschied zwischen Innen- und Außenperspektive. Aus der Innenperspektive wird die anstehende Aufgabe im Detail durchdacht: welche Schritte sind nötig, wie werden sie umgesetzt, was ist der Idealverlauf. Rückschläge und Unterbrechungen erscheinen dabei als Ausnahmen.

Aus der Außenperspektive würde man fragen: Wie lange haben vergleichbare Aufgaben in der Vergangenheit gedauert? Diese Frage ist unangenehm, weil sie die Illusion der Kontrolle bricht. Die Antwort lautet meistens: länger als geplant.

Ein Team, das seine Aufgabe im Detail plant und alle Schritte kennt, unterschätzt sie systematisch. Der Blick in die Vergangenheit hilft, realistischer zu planen.

Wie man den Faktor senkt

Bei einigen Entwicklern gelang es mir, den Faktor systematisch zu verbessern. Auf 1,7. Die Methode war: konsequenter Abgleich zwischen Plan und Realität, ohne Bestrafung.

Was wurde geplant? Wie lange hat es gedauert? Diese zwei Fragen wurden nach jedem abgeschlossenen Arbeitspaket als Rückmeldung gestellt. Der Entwickler sollte für sich selbst sehen, wo seine Intuition zuverlässig war. Über die Zeit entwickelte sich ein realistisches Selbstbild: „Bei Datenbank-Arbeiten liege ich meist richtig. Bei UI-Änderungen verschätze ich mich immer um den Faktor 2. Bei Integrationsaufgaben um den Faktor 3.“

Bestrafungsfreiheit war die zentrale Voraussetzung. Wer für schlechte Schätzungen kritisiert wird, schätzt beim nächsten Mal vorsichtiger. Er lernt, seine Intuition zu verstecken.

Reference Class Forecasting ist die formale Version desselben Prinzips, die Bent Flyvbjerg 2003 beschrieben hat. Statt eine neue Aufgabe im Detail zu planen, sucht das Verfahren nach einer Klasse vergleichbarer Vorhaben in der Vergangenheit. Die tatsächliche Dauer dieser Vergleichsprojekte wird als Ausgangswert für die Schätzung genommen. Die eigene Detailplanung bleibt dabei zweitrangig. Die britische Regierung nutzt sie seither verbindlich für alle staatlichen Großprojekte. Die dänische Verkehrsverwaltung ebenso. In Studien reduziert das Verfahren die durchschnittliche Kostenüberschreitung um rund 30 Prozent gegenüber traditionellen Schätzverfahren.

Wenn es keine Referenzklasse gibt

Nicht jedes Vorhaben hat eine Referenzklasse. Wer einen KI-Piloten für die Klassifikation von Kundenanfragen aufsetzt, findet unter Umständen keine oder zu wenige. Was jetzt?

Zwei Antworten. Erstens: Greifen Sie zum universellen Faktor. Ein Multiplikator von 2 bis 2,5 auf die naive Schätzung ist eine vernünftige Grundannahme.

Zweitens: Betrachten Sie ein Projekt ohne Referenzklasse immer als ein Experiment. Es sollte so geplant werden. Kurze Meilensteine, regelmäßiger Abgleich, Bereitschaft zur Neubewertung nach jedem Meilenstein. Das ist die einzige ehrliche Form der Planung unter echter Unsicherheit.

Nach dem ersten Meilenstein wissen Sie mehr als am Anfang. Sie haben eine eigene Referenzklasse geschaffen. Nutzen Sie sie für die Neubewertung der nächsten Meilensteine.

Wir alle unterschätzen die Dauer unserer Vorhaben. Vom aufgehängten Regal bis zum Kraftwerk. Der erste Schritt ist die Erkenntnis. Der zweite ein Verfahren, das man täglich anwendet.

Häufige Fragen

Was ist der Planning Fallacy?

Der Planning Fallacy beschreibt die systematische Neigung, die Dauer und Kosten zukünftiger Aufgaben zu unterschätzen. Kahneman und Tversky prägten den Begriff in den 1970er-Jahren. Der Effekt ist unabhängig von Intelligenz, Erfahrung oder Fachwissen und wurde hunderte Male empirisch bestätigt.

Warum unterschätzen Menschen systematisch die Dauer von Projekten?

Der Grund liegt in der Innenperspektive. Wer eine Aufgabe im Detail plant, denkt in Idealverläufen und übersieht Rückschläge und Unterbrechungen. Die Außenperspektive fragt: Wie lange haben vergleichbare Aufgaben in der Vergangenheit gedauert? Diese Frage bricht die Illusion der Kontrolle und liefert realistischere Werte.

Was ist Reference Class Forecasting?

Reference Class Forecasting ist ein Verfahren zur Projektschätzung, das Bent Flyvbjerg 2003 formalisierte. Statt eine neue Aufgabe im Detail zu planen, sucht das Verfahren nach vergleichbaren Vorhaben aus der Vergangenheit und nimmt deren tatsächliche Dauer als Ausgangswert. Die britische Regierung nutzt es verbindlich für Großprojekte.

Wie kann ich den Planning Fallacy in meinem Team reduzieren?

ADer konsequente Abgleich zwischen Plan und Realität, ohne Bestrafung. Nach jedem Arbeitspaket zwei Fragen stellen: Was wurde geplant? Wie lange hat es gedauert? Über die Zeit entwickelt sich ein realistisches Selbstbild darüber, wo die eigene Intuition zuverlässig ist. Der Faktor lässt sich damit von 2,5 auf etwa 1,7 senken.

Was mache ich, wenn es keine Vergleichsprojekte gibt?

Zwei Antworten. Erstens: Nutzen Sie einen universellen Korrekturfaktor von 2 bis 2,5 auf die naive Schätzung. Zweitens: Behandeln Sie das Projekt als Experiment mit kurzen Meilensteinen und regelmäßigem Abgleich. Nach dem ersten Meilenstein haben Sie Ihre eigene Referenzklasse geschaffen.

Woher stammt der Korrekturfaktor 2,5?

Der Faktor 2,5 ist eine empirische Beobachtung aus zwei Jahrzehnten Führung von Entwickler- und Projektteams. Er deckt sich mit der wissenschaftlichen Literatur: Die Studien von Buehler et al. 1994 und die Flyvbjerg-Datenbank mit über 16.000 Großprojekten zeigen Überschreitungen in ähnlicher Größenordnung.

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