Nichts zu verlieren

Heute in Tokio. Ich habe zwei freie Tage, an denen ich nach Kawaguchiko fahren könnte, um den majestätischen Fuji-san zu sehen: den dritten und den neunten September. Der September ist nicht die beste Zeit dafür, so frage die KI, welcher der beiden lohnender ist. Die KI prüft. Am dritten September Vormittag soll die Sicht zwar nicht postkartenreif sein, aber wolkenlos, am neunten eher nicht. Die KI erklärt mir weiter: online Tickets kaufen, am Bahnhof Shinjuku am Automaten das echte Ticket lösen. Losgehen von Shibuya, dreißig Minuten vor Zugabfahrt.

Ich bin schon einmal in Tokio gewesen. Shibuya Station hat neun Linien auf vierzehn Bahnsteigen, verteilt über mehrere unterirdische und oberirdische Ebenen. Shinjuku Station ist der geschäftigste Bahnhof der Welt: über 3,5 Millionen Passagiere pro Tag, mehr als zweihundert Ausgänge, zwölf Bahnlinien, fünf Bahngesellschaften. Es gibt eine eigene App zur Navigation.

Ich verdoppele die Empfehlung der KI und gehe eine Stunde früher los. Am Zug bin ich zehn Minuten vor Abfahrt. Am frühen Nachmittag haben die Wolken den Fuji bereits eingehüllt. Hätte ich der KI blind vertraut, würde ich ohne Foto heim fliegen.

Die KI kannte die Angaben zu den Bahnhöfen, sie sind kein Geheimnis. Sie hätte sie mir vermutlich genannt, wenn ich danach gefragt hätte. Aber sie hat sie nicht in ihre Empfehlung eingerechnet. Sie hat mir dreißig Minuten empfohlen, weil dreißig Minuten eine Fahrtzeit von 15 Minuten und eine Laufzeit von 15 Minuten zusammen ergeben. Sie hat niemals erlebt, was es heißt, am Bahnhof Shinjuku dem richtigen Pfad zu finden. Sie hatte Wörter und Zeitpläne und kein Bild von Realität.

Wer regelmäßig mit KI-Systemen arbeitet, erlebt solche Situationen öfter. Eine falsche Adresse führt zur Verspätung zum Geschäftsessen. Eine ungenaue Übersetzung führt zu einem peinlichen Missverständnis. Eine erfundene Öffnungszeit führt vor eine geschlossene Tür. Die KI antwortet ohne Zögern. Der Mensch bezahlt.

Die stille Ungleichheit

Auf den ersten Blick sind wir gleichberechtigte Partner. Wir arbeiten zusammen an meiner Planung. Sie ordnet die Lage ein, wenn ich falschliege, beantwortet meine Fragen, ich korrigiere sie, wenn sie Fehler macht oder unpräzise ist. Soweit so gut.

Wenn man aber genau hinschaut, ist die Beziehung asymmetrisch. Hätte ich den Zug verpasst, hätte ich das gespürt. Ich wäre am Bahnsteig gestanden, hätte den Fuji nicht gesehen, hätte eine Erinnerung weniger nach Hause mitnehmen können. Die KI, die die Empfehlung gegeben hatte, hätte nichts davon empfunden.

Sie kann keine Konsequenzen tragen. Sie hat keine Uhr, die tickt, keinen Ort, an dem sie sein muss und will, keinen Blick, den sie verpassen könnte. Sie hat nichts zu verlieren.

Für mich als Mensch ist das anders. Wenn ich einen Fehler mache, kostet er mich zweierlei.

Auf der ersten Ebene befinden sich reale Konsequenzen. Ein Auftrag geht verloren, in die Kundensituation und Anforderungen falsch eingeschätzt habe. Ein Kunde verliert Vertrauen, weil ich eine Zusage nicht gehalten habe. Ein Familienmitglied ist enttäuscht, weil ich etwas vergessen habe. Diese Folgen sind konkret. Sie treffen mich, andere Menschen, meine Beziehungen zu ihnen.

Die zweite Ebene ist die soziale. Ich habe mich vertan. Andere merken es wahrscheinlich. Ich weiß es mit Sicherheit. Es ist unangenehm. Etwas an meinem Ansehen geht womöglich verloren. Mein Selbstbild gerät ins Wanken. Fehler zuzugeben oder auszubügeln, kostet Kraft. Und in zahlreichen Organisationen noch viel mehr, wenn dort keine gute Fehlerkultur etabliert ist: Wer zugibt, verliert.

Die KI trägt keine dieser Kostenarten.

Warum die Umkehrung nicht funktioniert

Ich beobachte, dass die KI, mit der ich spreche, keinerlei Probleme hat, Fehler zuzugeben. Ich weise sie auf einen Widerspruch hin, sie korrigiert sich. Ich zeige ihr eine Fehlannahme, sie akzeptiert die Korrektur. Ohne Widerstand oder Rechtfertigung.

Es gibt eine verbreitete Meinung, dass wir als Menschen von der KI lernen könnten, offener mit unseren Fehlgriffen umzugehen. Weniger defensiv, weniger stolz, weniger auf Verteidigung bedacht.

Die Deutung übersieht einen zentralen Aspekt. Die KI hat kein Problem, Fehlern zuzugeben, weil das Zugeben sie nichts kostet. Sie verliert dabei kein Gesicht, keine Position, keinen Status. Es gibt für sie keinen Unterschied zwischen einer richtigen und einer korrigierten Antwort. Beides ist gleich kostenfrei.

Menschen dagegen zahlen für ihre Fehler. Mal weniger, mal mehr. Wir haben etwas zu verlieren. Und das macht für uns den Umgang mit Fehlern schwer. Wer nichts zu verlieren hat, gibt Fehlgriffe leicht zu. Das ist keine Reife, das ist die Abwesenheit von Einsatz. Das können wir nicht nachahmen, ohne aufzuhören, Mensch zu sein.

Was das mit uns macht

Wer regelmäßig mit KI arbeitet, gewöhnt sich an eine neue Art der Kommunikation. Man fragt schneller, weil die KI nicht komisch zurückschaut nach dem Motto „Das weiß du nicht?“. Man hat keine Hemmungen, unreife Ideen in den Raum zu werfen, weil es kein Urteil kommt: „Was soll das?“ Man korrigiert noch direkter, ohne sich Gedanken zu machen, wie die Kritik bei der KI ankommt. Man gibt auch oft keinerlei Feedback, sondern geht zur nächsten Frage über.

Auch wenn wir in Deutschland sehr direkt kommunizieren, würde man mit solcher Art der Kommunikation im echten Leben sofort einen „Sozialinkompetent“-Stempel aufgedrückt bekommen. Vielmehr so in den Ländern, die indirekte Art vorziehen: „Den Raum lesen“ (空気を読む) sagen die Japaner dazu.

Die Kommunikationsarten sauber zu trennen, ist gar nicht so leicht, und bringt mich dazu, noch bedachter in meinem Umgang mit Menschen zu sein.

Was ich gewonnen habe

Der Fuji war am Nachmittag nicht mehr zu sehen. Am Morgen hatte ich ihn im Bild. Ich stand im Oishi-Park mit der Kamera in der Hand und dachte über den Unterschied, den ich in diesem Moment spürte.

Ich hatte etwas gewonnen, das die KI nicht gewinnen konnte. Ich hatte Zeit. Ich konnte Fuji mit eigenen Augen sehen und nachempfinden, warum die Japaner, diesen Berg verehren und so viele Menschen hinpilgern. Ich konnte ein Foto machen und einer Erinnerung reicher werden.

Der Fuji im Morgenlicht, gesehen vom Oishi-Park am Kawaguchiko-See. Im Vordergrund ein Feld orangefarbener Kosmeen, dahinter die stille Wasserfläche des Sees, dann der klar erkennbare Kegel des Berges vor einem bewölkten Himmel.

Das ist keine Klage über die KI. Sie tut, was sie soll: schnell antworten, oft nützlich, manchmal fehlerbehaftet, immer bereit zur Korrektur. Sie ist ein Werkzeug ohne eigenen Einsatz, und das ist ihre Stärke.

Die KI hatte dreißig Minuten empfohlen. Meine japanische Freundin, die seit Jahren in Tokio lebt, schrieb mir am Abend zu meiner Schilderung: auch Einheimische verirren sich ebenfalls in diesen Bahnhöfen. Das ist gelebte Realität, die KI nicht nachempfinden kann.

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